Campus Party Europe: Ein freies Netz braucht freie Partys

Die Campus Party Europe in Berlin war vor allem eines: brav. Eine Fete, auf der irgendwas “gehackt” werden soll, sieht jedenfalls anders aus. Schade eigentlich. Denn Kreativität braucht oft ein bisschen Chaos.

Ein blaues Zelt nach dem anderen verschwindet vom Tempelhof, die Teilnehmer dürfen sie mit nach Hause nehmen, ein Geschenk des Hauptsponsors. Die Campus Party Europe ist vorbei, als Souvenir gibt es außerdem Badeschlappen und ein T-Shirt, auf das gedruckt ist, was die Computerfreunde in den vergangenen sechs Tagen hätten tun sollen: “Den Source Code Europas umschreiben, um Europa zu einem besseren Ort zu machen”. Ob das geglückt ist, darf bezweifelt werden.

Die Teilnehmer sollten “Europa hacken”, dabei haben sie es nicht einmal geschafft, die Veranstaltung selbst zu hacken: Brav wie Lämmer haben sie die vielen Regeln dieser “Party” über sich ergehen lassen, ihre Laptops am Eingang registrieren und ihre Taschen durchsuchen lassen, Namen, Adressen und Passbild eingereicht; wer das alles nicht wollte, blieb weg.

Die da waren, haben respektiert, dass auf dem Hauptgelände striktes Alkoholverbot herrscht, während Bilder von der VIP-Lounge kursierten, auf denen gefüllte Weingläser zu sehen waren. Sie haben in schnurgeraden Zeltreihen geschlafen und artig ihre Füße gehoben, wenn alle zehn Minuten jemand mit einem Besen an ihren Tisch kam, um die Zigarettenkippen wegzufegen, die sie gerade haben fallen lassen. Eine Party, auf der irgendwas “gehackt” werden soll, sieht anders aus.

Auf den großen Nerd- und Hackertreffen, wie der Defcon in Las Vegas zum Beispiel oder dem Chaos Communication Camp in Finowfurt, sieht das Gelände spätestens am dritten Tag nicht mehr aus wie geplant: Lichtinstallationen und Kunst gibt es dann an jeder Ecke, die Hacker basteln an allem herum, was sie finden, machen Musik, lassen Drohnen fliegen und ihre Schraubenzieher herumliegen. Aufgeräumt wird erst zum Schluss – denn Kreativität braucht oft ein bisschen Chaos.

Dagegen wirkte die für Deutschland neue Veranstaltung auf dem Flughafen Tempelhof langweilig, lieblos und frei von Leidenschaft. Auf dem nackten Beton, zwischen den Containern und oft fast menschenleeren Imbissständen, war von kreativem Chaos wenig zu sehen.

Nichts gemacht aus dem großes Potential

Nun könnte man annehmen, dass eben hart gearbeitet und konzentriert den vielen Vorträgen gelauscht wurde. Aber selbst das trifft es kaum: Da alle Bühnen in einem einzigen Raum standen, war von den einzelnen Vorträgen oft wenig zu verstehen, und vor den Bühnen herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Als es am Freitag tatsächlich mal ums “Hacken der EU” und netzpolitische Themen in Europa gehen sollte, wurde Katarzyna Szymielewicz als Vertreterin von European Digital Rights (EDRI) übertönt – ausgerechnet von EU-Kommissarin Neelie Kroes.

Die stand auf der Bühne nebenan, und gegen die größere Veranstaltung kam die kleine NGO nicht an. Schließlich gab die Vortragende auf, brach den Vortrag ab und zog mit einem Dutzend Interessierter nach draußen um, an einen Biertisch. Zwölf Leute wollten mit ihr über europäische Netzpolitik reden, zwölf von insgesamt angeblich 10.000 “Campuseros”. Vielleicht ist es auch schwer, über Dinge wie ein unreguliertes Internet nachzudenken, wenn man gerade auf einer streng regulierten Konferenz sitzt. Ein freies Netz braucht freie Partys.

Dabei hätte die europäische Campus Party großes Potential: Junge Technikbegeisterte aus verschiedenen Ländern treffen sich, und zwar nicht immer nur die gleichen Nasen, die man ohnehin auf jeder Konferenz trifft. Es könnte ein europäischer Dialog werden, zwischen Hackern und Social-Media-Experten, zwischen Gamern und Aktivisten, zwischen Hardwarebastlern aus Spanien und App-Programmieren aus Polen. Ein so buntes Computerfest würde sich in Deutschland gut machen.

Vielleicht müsste man dafür aber noch mal von vorne anfangen: Statt sich ein Fest von Sponsoren gestalten zu lassen, müsste eine Truppe das selbst in die Hand nehmen. So wie in den Gründungstagen der Campus Party, mit viel Arbeit und Idealismus. Einiges würde schief gehen, das Internet wäre nicht so schön schnell, T-Shirts und Badeschlappen würden Geld kosten und alle Teilnehmer müssten Eintritt zahlen. Aber es würde sich lohnen: Auf so einer Veranstaltung könnte womöglich irgendwann Europa gehackt werden.

Quelle: http://www.spiegel.de

This entry was posted in Internet Business and tagged , . Bookmark the permalink.